Ein vielschichtiger Eheroman Goethes Wahlverwandtschaften sind der gemeinen Küchenzwiebel sehr ähnlich: Kaum meint der Leser bzw. der Koch, ihrem Kern etwas näher gekommen zu sein, da muss er unter Tränen feststellen, dass er noch viele Schichten vor sich hat. Die Handlung ist mit wenigen Worten umrissen: Ein alternder Baron verliebt sich in die blutjunge Nichte seiner Ehefrau, und die Baronesse wirft ein Auge auf seinen Freund. Was auf natürliche Weise zueinander strebt, scheitert doch auf ganzer Linie: Am Ende gibt es vier Todesfälle und keine Hochzeit. Rund um diese Haupthandlung hat Goethe einen schier unendlichen Schatz Metaphern, gespiegelter Motive und ironischer Seitenhiebe auf seine Zeitgenossen angeordnet. Vom eindeutig zweideutigen Anfangssatz bis hin zum Gips im Fußboden einer Kapelle hat scheinbar alles einen tieferen Sinn. Wir müssen uns den damals 60-jährigen Goethe als heiter-verschmitzten Menschen vorstellen. Schließlich hat er nach eigener Aussage in seinem Roman mehr versteckt, als "irgend jemand bei einmaligem Lesen aufzunehmen imstande wäre". 200 Jahre und tausend Interpretationsversuche später scheint der Schatz noch immer nicht ganz gehoben zu sein. Wenn das kein Geniestreich des alten Meisters war!