Marie die Sparsame
Alle hatten Marie im Dorf
gekannt,
sie war für ihre Sparsamkeit
bekannt.
Sie dachte
nicht mal ans Sterben,
denn dazu braucht man Erben.
Sie hatte weder Mädel oder Bub,
ihr Geiz war ihr einziges Gut.
Den Josef hatte sie nur
genommen,
weil er mit großer Mitgift war
gekommen.
Und der war wirklich die beste
Wahl ;
stand er doch aufrecht wie ein Pfahl !
Der konnte sechzehn Stunden gerade durch malochen,
und Marie brauchte nur Billiges
für ihn zu kochen .
Der Notar konnte sich freuen über
die Sparsamkeit .
Marie war im Verwalten nicht
sehr gescheit ,
ihr Konto wurde größer von Tag
zu Tag,
was den Spekulationen des
Notars sehr gut
tat .
Doch sie war gefürchtet bei
den Händler allesamt ,
für ihr freches Feilschen war
sie bei jedem bekannt ,
und alle kannten bestens ihre schlimmen Faxen ,
sie konnte ein Schwein
verkaufen ohne seine Haxen !
Sie kaufte noch immer mehr Land dazu ,
der Josef kam wirklich nicht
zur Ruh.
Es erging ihm wie dem
geduldigen Pferd :
Im besten Alter war er nichts
mehr wert !
Und fleißig ertrug er immer
eine größere Last,
doch irgendwann bricht
auch der stärkste Ast .
Denn obwohl er nur bestand aus
Muskeln und Sehnen ,
sein Herz begann sich zu überdehnen
.
So kam der wie aus heiterem Himmel
der Schlag .
Mit der Gabel in der Hand er
kalt er in der Scheune lag .
Der Arzt bescheinigte den Exitus
,
und Marie vergas den letzten Kuß
.
Der Schreiner kam mit seinem Geselle
.
Es war heiß und man arbeitete
schnelle ,
und wie es war bei Marie der Brauch,
ein Sarg aus Tannenholz tat es auch .
Sie spendete ihr bestes
Nachthemd für ihn ,
man half ihr es ihm ordentlich anzuziehen .
Der Pfarrer kam auch mit einem Diener vorbei
und genoß den Schnaps mit den Leuten
der Schreinerei .
So war die Marie allein mit
ihrem toten Gemahl
und dachte schon an die Kosten
für das Totenmal .
Als sie ihn da liegen sah so
friedlich und still
da sagte sie sich : Soviel Stoff
ist zu viel !
Den Rückenteil des Hemdes
sieht ja keiner,
warum ihn lassen bei den
Preisen für Kleider .
Das Stuck war noch für eine Schürze
ideal ,
dem Josef war das sowieso egal
.
So schritt sie zu der frevelhaften Tat ,
das hätte sonst kein anderer
gewagt !
Sie nahm die große Schere aus
der Lade
und änderte Josefs Rückenlage.
Geschickt schnitt sie entlang der Naht
und paßte auf daß keiner naht
.
Flink schnippelte sie drauf
los,
das Hemd war lang , des Stück
sehr groß .
Es mußte schnell gehen mit der
Tat ,
da die Leichenstarre schon
eintrat .
Als es vorbei war kippte sie
ihn zurück ,
jetzt war sie allein mit ihrem
Glück .
So kam der Tag der Josefs Beerdigung .
Es sprach der Pfarrer von der
Seelenrettung .
Und dies soll geschehen am
jüngsten Tag
und jeder sollte dann sagen
was er tat !
Da bekam die Marie einen
Schreck .
Der Rücken von Josefs Hemd war
ja weg !
Wie soll er an diesem Tag vor
dem Herrn stehen ,
und seine wenigen Sünden
gestehen ?
Mit nacktem Hinten stehe er da
,
zum Gespött der ganzen Engelsschar
!
Welch eine Schande hatte sie
da vollbracht .
Der Kummer darüber hat sie
fast umgebracht .
Sechs Wochen lief sie mit den
Gewissenbisse herum .
Und fragte zuletzt den Pfarrer
was war zu tun .
Der wußte für ihr Problem eine
Lösung gleich .
Der hatte ja einen direkten
Draht zum Himmelreich .
Sie solle hundert Taler
spenden für Messen :
Dann würde man den Josef nicht
vergessen ,
und man würde dann stellen den
stolzen Bauer
mit dem Rücken an eine Mauer !
So wäre die Schande zu
übersehen ,
und Josef könnte stolz seine
Taten gestehen .
Und man sähe den Hintern von Josef nicht .
So soll es geschehen am
jüngsten Gericht !
Sie zahlte mit schwerem
Gewissen .
Drei Tage aß sie keinen Bissen
.
Doch in ihrer großen Qual
hatte sie keine andere Wahl !
Conthe 25.July 2006