Andrea Wüstner (Hrsg.), Meeresrauschen. Gedichte und Geschichten, Reclam Verlag, Stuttgart 2008.
Im Spiegel der Seele
Unser Lebenslauf, schrieb Goethe, ähnelt einer Reise über die Ozeane. Sie verkünden das Ewige, erregen Hoffnungen und Ängste.
Andrea Wüstner hat diesen vortrefflichen Band herausgegeben, der Gedichte und Prosa vereint, die das Meer betreffen. Leider fehlt Joseph Conrad, maritimer Schriftsteller par excellence.
Alles Lebendige kam aus Meeresfluten. Laut Goethe folgen die Seelen dem Wasser; es fällt nieder, verdunstet und kehrt zurück.
Ozeane spiegeln Geheimnisse und Rätsel des Menschen. „Wer kann deine Tiefen ergründen“, fragt Charles Baudelaire. Heinrich Heine „liebte das Meer wie meine Seele“. In Heines Denken steigen „Blumenbilder“ gleich „verborgenen Wasserpflanzen“ empor.
Das nasse Element spendet Lebenskraft. Annette von Droste-Hülshoff empfindet „Sehnsucht nach dem Meer“ und bedauert, kein Mann zu sein, der mit Naturgewalten ringt. „Nun muss ich sitzen so fein und klar, wie ein artiges Kind“.
Um trüber Einsamkeit zu entgehen, flieht Gottfried Keller zum Ozean, der Geborgenheit, aber auch Neuschöpfung und Regeneration verheißt. Die See, notiert Else Lasker-Schüler, bricht das Joch furchtbarer „Erdenschwere“; es sei eine „Erlösung sondergleichen, sich der Welle hinzugeben“.
Schriftsteller, welche die Meere befuhren, urteilen oft anders. „Ein Echo“, schreibt Hermann Melville, „hat die See nie gekannt; sie kennt keinen Lohn für Mühe und Schmerz, für des Menschen Traum und sein hoffendes Herz“. Wo Stürme und Brandung tosen, regiere „die Not der Menschen, die sich peinigen und leiden“. Nicht viel anders dachte Joseph Conrad. Ebenso fordert Thomas Mann, die Gefahren der Wasserwüste und ihren „primitiven, elementaren Charakter“ anzuerkennen.
Schiffbrüche symbolisieren das Grab, „denn der Bootsmann ist der Tod“, glaubte Joseph Eichendorff. Die Vergeblichkeit menschlicher Hoffnungen betont Marie von Ebner-Eschenbach: „Wir segeln im Kreise“. Jede Facette des Daseins reflektiert der Ozean.
„La Paloma“, dank Hans Albers unvergessen, vollendet den literarischen Spaziergang. „Mich trägt die Sehnsucht fort in die Ferne…einmal holt uns die See und gibt keinen zurück“.
Egmont