Auf diesem Hügel will ich meine Kirche bauen – der Vatikan So wie Tageszeitungen ihr politisch-intellektuelles, kulturelles Image pflegen, gibt es daneben Verlage, die mit Sachbuch-Reihen die Leserschaft des Bildungsbürgertums ansprechen. Mit der Reihe “Wissen” aus dem C. H. Beck-Verlag ist eine Art Mini-Kompendium auf dem Markt, das den schnellen Informationshunger auf professionelle und detaillierte Weise bedient. Ein Büchlein aus dieser Reihe ist “Der Vatikan. Politik und Organisation”, im Frühjahr 2004 erschienen.
Der Titel des Buches ist Programm, denn Fabrizio Rossi beschreitet Wege abseits der Vatikanischen Museen und Gärten und ergründet das kirchliche, uns unbekannte Leben hinter der Aurelischen Mauer. Das Buch ist
nicht nur ein (erwarteter) Blick auf den amtierenden Papst, Johannes Paul II., dessen Gesundheit ein Seismograph der religiösen und politischen Lage im kleinsten Staat der Welt ist. Dieser Papst steht wie kein früherer wohl auch für den Vatikan. Nicht überraschend steckt aber weit mehr hinter dem Vatikan, und dies dokumentiert der Autor, der Professor der Kirchengeschichte und europäischen
geschichte in Rom ist.
Fabrizio Rossi informiert in einer geläufigen Schreibweise über die jahrhundertealten Institutionen, die Römische Kurie, die Papstwahlen und die
politische Verbindung des Kirchenoberhaupts zur übrigen Welt. Zu Beginn des Buches beschreibt Rossi die Entstehung der päpstlichen Residenz im 14. Jahrhundert. Sein Interesse gilt jedoch schnell der päpstlichen Geschichte der letzten 120 Jahre. Die Lateranverträge aus dem Jahre 1929 waren ein historischer Meilenstein, in denen der Kirchenstaat seine politische und territoriale Unabhängigkeit von Italien zugesprochen bekam. Rossi widmet einen Großteil seines Buches auch der Verwaltung der katholischen Welt, in der über 600 Menschen u. a. im Finanzwesen und beim Radio Vaticana
arbeiten. Es ist eine Ehre für die Italiener in der Vatikanstadt zu arbeiten, und sei es auch um den Preis eines geringeren Gehalts.
Einen sehr persönlichen Blick auf den Tagesablauf von Papst Johannes Paul II. nimmt das Kapitel “Wie lebt der Papst?”. In ihm erfährt der feuilletonistisch-interessierte Leser, wann der Stellvertreter Christi aufsteht und was er zu Mittag isst. Die polnische Kohlsuppe, ein wenig Fleisch und Milch lassen ganz sicher beim Leser keinen Neid auf seinen Job aufkommen. Fabrizio Rossi berücksichtigt in seinem Buch auch die kulturellen Wünsche der Rom-Touristen, die sich stundenlang in eine Schlange einreihen, um Zutritt zu den Vatikanischen Museen und seinen einzigartigen Pretiosen zu bekommen. Über Jahrhunderte hinweg wurden Skulpturen und Gemälde aus allen Ländern der Welt zusammengetragen oder im Auftrag der Päpste gefertigt. Eine unbezahlbare Ansammlung von Kunstschätzen.
Den Abschluss des Buches bilden die Beiträge zu den weltlichen Symbolen des kleinen Kirchenstaats: die Schweizergarde, die mehr ist als farbenfroh gekleidete junge Schweizer, die prächtigen Briefmarken mit Heiligenporträts und die begehrten, vatikanischen Euros mit dem Konterfei des amtierenden Papstes.
Ein gewisses Grundwissen zum Thema ist hilfreich, um die Vielfalt der Informationen aufzunehmen. Aber auch ohne dieses, findet der Leser schnell einen Zugang in die verborgene Welt der römischen Kirche. “Der Vatikan” ist eine lesenswerte Lektüre für Bildungshungrige gleich welchen Alters, die sich nicht durch Polit- und Geschichtswälzer arbeiten wollen, um die religiöse, politische und weltliche Dimension des “Heiligen Stuhls” zu verstehen und die dabei unterhalten werden wollen.