Stehen Sie auf blutrünstige Satiren?
Wirklich blutrünstige Satiren? Regisseur und Co-Autor Alex Orr tut sein möglichstes,
um in seinem Spielfilmdebüt auch noch den letzten Tropfen Blut aus der Idee ins Unermessliche steigender Treibstoffpreise zu quetschen.
Wir befinden uns in der Zukunft – genauer, zwei Wochen in der Zukunft – und der Preis für Benzin ist auf unglaubliche 40$ pro Gallone explodiert. Für immer vorbei scheinen die Tage der sorgenfreien Spritztouren mit Freunden irgendwo ins Grüne und des Herummachens mit der Freundin im Drive-in Kino. Die jungen Leute vergnügen sich zwar immer noch auf zurückgeklappten Autositzen, aber die Autos in denen sie dies tun stehen aufgetürmt auf dem örtlichen Schrottplatz.
Archie Andrews (Mike Brune) ist Lehrer, eingefleischter Veganer,
Umweltschützer und überhaupt sozial engagiert. Er trägt vielsagende T-Shirts mit Slogans wie „Meat is Murder in the Worst Degree“ und glaubt, die Lösung für das Treibstoffproblem gefunden zu haben. Er bastelt an einem Verbrennungsmotor, der mit einer Art Weizenkeimsaft laufen soll. Die Sache hat nur einen winzigen Haken – seine Erfindung funktioniert nicht. Doch dann schneidet er sich eines Tages an einer Wodkaflasche, etwas Blut tropft in den Tank und siehe da, der Motor springt an. Jetzt gibt es für den jungen Erfinder kein Halten mehr, und jede Menge Tiere und Menschen werden zu unfreiwilligen Blutspendern...
Wie sensibel reagieren Sie im Hinblick auf Kriegsveteranen, alte Muttchen, Kindergartenkinder, Eichhörnchen und einen herzigen kleinen Mops? Was halten sie von bizarrem S**, obszönen Dialogen und Märchenkulissen? Noch nicht ausgefallen genug? Wie wäre es dann mit Anna Chlumsky, dem Kinderstar aus „MY GIRL“, in der Rolle der Betreiberin eines vegetarischen Marktstandes, die heimlich in Archie verschossen ist und ihr Notizheft mit pornographischen Skizzen von sich und dem Angebeteten vollkritzelt?
Zugegeben .... das ganze klingt ziemlich lächerlich. Und das ist es auch! „BLOOD CAR“ ist eine unheilige und urkomische Mischung aus absurdem Humor und surrealem Horror. Kein richtig tickender Mensch würde so einen Film drehen – außer er arbeitet für TROMA. Der Vergleich zwischen typischen TROMA-Machwerken und „BLOOD CAR“ ist gar nicht so weit hergeholt, nur wird er „BLOOD CAR“ nicht gerecht.
Dass der Film alle Grenzen des guten Geschmacks so mutig hinter sich lässt, macht es schwer, ihn zu kritisieren. „BLOOD CAR“ wird mindestens so viele Seher abstoßen wie begeistern. Man könnte durchaus sagen, dass die technischen und inhaltlichen Widersprüche den Charme des Werkes noch erhöhen. In einer Einstellung regnet es, im Gegenschuss ist strahlender Sonnenschein. Alle Darsteller tragen kurze Tops beziehungsweise kurzärmelige T-Shirts, dabei ist ständig ihr gefrierender Atem zu sehen. Dann wieder wurden Einstellungen zusammengefügt, die offensichtlich zu ganz unterschiedlichen Zeiten gedreht wurden. Aber trotz all dieser (zum Teil groben) Fehler funktioniert der Film auf einer unterbewussten oder urmenschlichen Ebene, die den Zuseher dazu verleitet, über Situationen zu lachen, die einen eigentlich schockieren müssten. Außerdem ist „BLOOD CAR“ voll von Szenen, die hemmungslos aus anderen Streifen übernommen wurden. Einflüsse von „THE WILD BUNCH“, „NATURAL BORN KILLERS“ und anderen Klassikern sind unschwer zu erkennen. Das superschlaue Spezialagententeam, das ausgesandt wurde, um den neuartigen Motor in Regierungsbesitz zu bringen, scheint mit seinen gestriegelten Anzügen und schwarzen Sonnenbrillen direkt einem Tony Scott – Film entsprungen zu sein. „BLOOD CAR“ ist so offensichtlich zusammengeklaut, dass man sich die Augen ausheulen könnte, würde man nicht gerade Tränen lachen.
Reizüberflutung ist ein Wort, das selten im Zusammenhang mit Spielfilmen gebraucht wird. Man beschreibt damit üblicherweise eher Musikvideos. Aber obwohl nicht so rasant geschnitten, schafft es „BLOOD CAR“ mühelos, einen mit seiner Fülle an wahnwitzigen Einfällen geradezu zu überfahren. Der Film funktioniert zuallererst als Komödie, als bitterböse Komödie. Einer der Gründe dafür ist sicherlich der Umstand – und hier hebt sich das Werk von den meisten anderen des Genres ab -, dass es „BLOOD CAR“ immer wieder gelingt, einen dazu zu bringen, lauthals über Dinge zu lachen, die im realen Leben so ganz und gar nicht lustig sind – etwa das Töten von Kindern und alten Menschen, aber auch Tieren. Trotzdem, in der übersteigerten Realität von „BLOOD CAR“ sind es gerade diese Elemente, die besonders für heitere Stimmung sorgen.
Ich gebe es zu: Ich habe viel und herzlich gelacht. Vielleicht macht mich das zu einem krankhaften Menschen. Aber immerhin habe ich den Film weder geschrieben, noch ihn gedreht. Diese Ehre (oder Schande) gebührt Alex Orr. Wenn Sie tiefschwarzen Humor mögen, sehen sie sich „BLOOD CAR“ an. Sollten Sie danach Gewissensbisse haben, spenden sie doch an eine Tierschutz- oder Umweltschutzorganisation.