Die Evolution des Glaubens
Ein passionierter Rationalist
untersucht die wissenschaftlichen Wurzeln der religiösen Überzeugung, des
Aberglaubens und des einfachen alten Glücks
Was ist das
Erste, was Sie tun, wenn die Erde unter Ihren Füßen anfängt zu grollen und die
Wände beginnen zu beben? Schnappen Sie sich Ihre Kinder und fliehen? Prüfen Sie
Ihre Hausversicherung? Fallen Sie auf Ihre Knie und beten um Erlösung? All
diese Reaktionen sind logisch genug, bis auf Ihre erste. Stattdessen, auch
angesichts einer unmittelbar bevorstehenden Katastrophe würden Sie kostbare
Zeit für Fragen „Was war das?“ aufwenden. Dies wird als der kognitive Imperativ
bezeichnet, der einzig menschliche, fest verdrahtete Instinkt, der die Ursache
mit ihrer Wirkung verbindet und der uns einen entscheidenden evolutionären
Vorteil über andere Tierarten verschaffte. Schließlich hätte das Geräusch nur
ein vorbeifahrender LKW sein können und nichts, weswegen man auf den kostbaren
Schlaf verzichten sollte.
Die Darstellung,
wie wir auf ein Erdbeben reagieren, ist nur ein Beispiel des kognitiven
Imperativs, der vom britischen Wissenschaftler Lewis Wolpert in „Sechs
unmögliche Dinge vor dem Frühstück“, der Untersuchung der evolutionären
Ursprünge des Glaubens, beschrieben wurde. Wenn das Thema Ihnen vertraulich
erscheint, liegt es daran, dass die Suche nach wissenschaftlichen Wurzeln des
religiösen Glaubens ein topaktuelles und heiß diskutiertes Thema des Tages ist.
In seinem 2004 herausgegebenen Buch „Das Gottesgen“ behauptet Dean Hamer, eins
der Gene gefunden zu haben, dass laut ihm für die Spiritualität verantwortlich
sei. Letzten Monat sorgte der amerikanische Philosoph und Evolutionstheoretiker
Daniel Dennett mit „Den Bann brechen“ für mehr Kontroverse. In seinem Buch
stellt er Religion als Memen*, d.h. kulturelle Ideen, die sich verbreiten,
mutieren und in unserem Gehirn überstehen können, egal ob sie für uns gut oder
schlecht sind. Inzwischen fügen die Forscher vom Zentrum für Hirnforschung (Centre
for the Science of the Mind) in Oxford, England, Testpersonen heftige Schmerzen zu, um zu
sehen, ob religiöser Glauben ihnen helfen kann, mit körperlichem Leiden
umzugehen.
Als
Entwicklungsbiologe an der Londoner University College und einer der
bekanntesten Verfechter der Populärwissenschaft beschäftigt sich Wolpert in
seinem Buch mit Genen, Memen, dem Schmerz und verschiedenen anderen Aspekten.
Statt jedoch sich nur mit den Gläubigen auseinanderzusetzen, unternimmt er in
seinem Buch den Versuch, die Wissenschaft zu erforschen, die die Grundlage für
alle intuitiven Überzeugungen, einschließlich Religion, bildet, an die Menschen
sich stur festklammern, anstatt sie mit rationalen Forschungen zu ersetzen: Glaube
an Paranormales, Magisches und Aberglaube; Glaube an alternative
Gesundheitstherapien; Überzeugung, dass man früher oder später den Jackpot
knackt.